kraftplatz-Blog

An dieser Stelle teile ich einige meiner Erfahrungen und Gedanken über Trauer, Sterben und das Leben. Um zu informieren, inspirieren und vor allem zu enttabuisieren. Ich freue mich, wenn Du meine Beiträge kommentierst, teilst oder auch Wünsche für neue Themen einbringst. 

Alles Liebe

Petra 

2025-12-19

Zurück ins Leben

Hier kommt die Fortsetzung zu meinem Blog-Beitrag «In allerletzter Minute», in dem ich von einer Mutter erzähle, die einen Suizidversuch überlebte. Die vielen Reaktionen darauf zeigten mir, wie wichtig es ist, über dieses Tabuthema zu sprechen. Herzlichen Dank, liebe Anna, dass du uns an deinem Weg zurück ins Leben teilhaben lässt!

Viel Freude beim Lesen!

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Wie konnte es so weit kommen?

«Es war ein schleichender Prozess. Eine Mischung aus Überlastung, fehlender Selbstfürsorge, extremen Schlafmangels und teilweise ärztlichem Versagen», sagt Anna.

Bis zu ihrer Therapie wusste Anna nicht, was Selbstfürsorge wirklich bedeutet. Sie lernte es nicht und bekam es auch nie vorgelebt. Die Familie, Freunde, Arbeit und Haushalt standen für die zweifach Mama immer im Mittelpunkt. Sie hatte alles im Griff, sorgte gern für ein ordentliches und gemütliches Zuhause und hatte Spass an ihrer Teilzeitstelle als Floristin. Von aussen betrachtet eine glückliche, lebensfrohe Frau. So nahm sich Anna auch selbst wahr. Manchmal wird sie gefragt, warum sie denn nicht sagte, dass es ihr so schlecht ging. Ihre Antwort ist immer die gleiche: «Weil ich es selbst nicht bemerkte.»

Natürlich spürte sie, dass sie sich immer häufiger energielos fühlte, alles anstrengender wurde und der erholsame Schlaf ausblieb. Erste Warnsignale, die sie aber vor allem auf eine langwierige Erkältung zurückführte. Heute beschreibt sie, dass sie von einem Schatten bedeckt war. Auch wenn sie gerne unter Menschen war, immer eine Lösung fand und zufrieden mit ihrem Leben war, entwickelte sich dieses gedämpfte Gefühl. Schwierig zu beschreiben und kaum mehr nachvollziehbar. Anna rutsche in eine Depression, ohne es zu merken. Zugetraut hätte ihr das wohl kaum jemand, am wenigstens sie selbst. Ja, sie ist familiär vorbelastet, trotzdem passte sie nicht in das Raster, dass die Gesellschaft häufig für Depressionen zu kennen scheint. Sie war weder besonders sensibel, «charakterschwach» oder labil, befand sich nicht in einem Stimmungstief und erlebte auch keinen Schicksalsschlag. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es sich bei diesen Aufzählungen lediglich um Vorurteile handelt und Depressionen uns alle treffen können! Es ist eine Krankheit und es gibt nicht DIE eine Ursache, sondern es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Hier ein paar Beispiele:

- Genetische Veranlagung:
Erhöhtes Risiko bei familiärer Vorbelastung (40-50% Erblichkeit)

- Neurotransmitter-Ungleichgewichte:
Störungen im Serotonin-Haushalt (Monoamin-Hypothese)

- Gehirnstruktur:
Veränderungen im limbischen System bei bipolaren Störungen

- Hormonelle Umstellungen:
Schwangerschaft, Wochenbett, Wechseljahre

- Frühe Kindheitserfahrungen:
Traumata, Vernachlässigung, Verluste

- Kognitive Schemata:
Negative Denkmuster, die die Realität negativ verzerren

- Belastende Lebensereignisse:
Arbeitslosigkeit, Trennung, Tod nahestehender Personen, Scheidung

- Chronischer Stress & Überforderung:
Im Beruf (Leistungsdruck) oder im Alltag (Mental Load)

- Soziale Isolation & Einsamkeit:
Mangelnde soziale Kontakte

- Körperliche Erkrankungen:
Chronische Krankheiten wie Krebs, Schmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen

- Medikamente & Substanzen:
Nebenwirkungen von Medikamenten, Alkohol- und Drogenmissbrauch

- Ungesunde Lebensweise:
Schlafmangel, Bewegungsmangel, schlechte Ernährung, Medien-Missbrauch

Wenn ich mir diese möglichen Faktoren so anschauen, sind wir wohl alle nicht vor einer Depression gefeit…

Annas Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, dauerhaften Veränderungen körperlicher und/oder psychischer Art Beachtung zu schenken. Das können z. B. langanhaltende Ein- und Durchschlafprobleme, Erschöpfung trotz genügend Schlaf, Appetitlosigkeit und gleichzeitig Heisshungerattacken sein. Annas Körper schrie nach Ruhe, aber ihr Kopf sah nur die vielen To-dos, die sie nicht mehr wie gewohnt schaffte. Das führte zu Enttäuschungen und einem sinkenden Selbstwertgefühl. Sie befand sich in einer Abwärtsspirale, ging über ihre Grenzen und machte weiter, um zu funktionieren. Wie sich eine Depression anfühlt, ist schwer zu beschreiben. «Nachfühlen kann man das erst, wenn man selbst davon betroffen ist» sagt Anna. Leider fehlt es immer noch an Sensibilisierung und umfangreicher Aufklärung zu diesem Thema. Nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern manchmal auch in Fachkreisen. Deswegen will die Mutter und Ehefrau offen über ihre damalige Überlastung, die Depressionen, die Psychosen und ihren Suizidversuch sprechen. Um zu informieren, zu enttabuisieren und zu helfen.

Ihr Umfeld, auch entfernte Bekannte, reagierten mit grosser Betroffenheit, Mitgefühl und Unsicherheit auf den Suizidversuch. Durch Annas Offenheit werden auch ihre Freunde und Familie immer offener und trauen sich Fragen zu stellen. Nicht aus Neugierde, sondern aus Unwissenheit und echtem Interesse. Mich beschäftigt die Frage, was Angehörige bei Depressionen oder Suizidgedanken konkret tun können. Anna erklärt mir, dass jeder Krankheitsverlauf zwar individuell ist und jede/r Betroffene andere Bedürfnisse hat, aber es in ihren Augen drei wichtige Punkte gibt:

Achtsam Hinhören – Ernst nehmen – Wertfrei Dasein.

Sei es bei einem leisen Verdacht aufgrund auffallender Wesensveränderungen oder konkreten Warnsignalen wie dem Benennen von Überforderung, Ausweglosigkeit bis hin zu Suizidgedanken. All das tat ihre Familie und sie fühlte sich stets getragen von ihnen. Häufig braucht es jedoch professionelle Hilfe und vor allem die Bereitschaft, diese anzunehmen. Nicht nur Betroffenen, sondern auch ihrem Umfeld, bieten Anlaufstellen wie die Dargebotene Hand (www.143.ch oder www.reden-kann-retten.ch) oder die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) Unterstützung und Begleitung. Eine Begleitung, die so wichtig ist, weil von einer Depression immer auch die Familie und der engste Freundeskreis betroffen sind. Vorausgesetzt, sie wird erkannt.

Ein langer Weg

Der Weg zu diesem Bewusstsein und der Achtsamkeit war nicht leicht. Nach zwei kräftezehrenden Wochen in der psychiatrischen Klinik und den täglichen Spaziergängen mit ihrem guten Freund Lukas war Anna so weit, dass sie das Therapieangebot ausschöpfen wollte. Sie wollte verstehen, wie es zu so einer Überlastung kommen konnte, ohne dass sie diese als solche wahrnahm. Sie wollte gesund werden, die traumatischen Erlebnisse verarbeiten und verfolgte ihr Ziel motiviert und ehrgeizig. Für ihre Kinder, ihren Mann Tom und vor allem für sich selbst. In den Augen der Mediziner jedoch zu schnell. Bei einer Visite traf sie der Satz «Bei Ihnen geht es beängstigend schnell!» wie ein Schlag ins Gesicht. Sofort plagten sie Selbstzweifel und der Gedanke «Was ist jetzt wieder falsch an mir?».
Glücklicherweise lernte sie kurz darauf in der Ergotherapie einen Therapeuten kennen, der ihr diese Zweifel nehmen konnte. Im Gespräch und während des Bastelns eines Korbes bemerkte er ihr Geschick und ihr Engagement und meinte lächelnd «Ich sehe schon, Sie sind eine von der flotten Sorte». Das gab ihr das Gefühl, dass sie völlig okay ist, so wie sie ist. Nicht falsch, nicht verdrängend, nicht zu schnell oder unecht. Einfach Anna. 
Die Ausdruckweise spielt eine entscheidende Rolle - egal, in welchem Bereich. Ein «Es ist schön, dass Sie so eine Entwicklung machen, aber nehmen sie sich genügend Zeit» hätte Anna bestärkt und gleichzeitig achtsam gemacht. Nicht verunsichert.

Nach drei Wochen psychiatrischer Klinik wusste sie, dass sie auf keinen Fall länger als fünf Wochen hierbleiben will. Diese Zeit wollte sie intensiv nutzen und ihr Bestes geben, um zu heilen. Die ersten beiden Wochen ohne ihre Kinder waren hart, aber essenziell. Sie brauchte Ruhe und Raum für sich. Zudem wollte Anna sie mit den tiefen Wunden am Hals und den Unterarmen nicht überfordern. Deshalb hatten sie vorerst nur telefonischen Kontakt. Als sie körperlich und emotional wieder gestärkter war, kamen ihre Töchter regelmässig zu Besuch. Allerdings legte sie grossen Wert darauf, dass sie sich ausserhalb der Klinik trafen, weil sie ihnen die Umgebung auf der psychiatrischen Station nicht zumuten wollte. Zwischenzeitlich durfte sie tagsüber stundenweise nach Hause und einmal wöchentlich sogar daheim schlafen. Die Familienzeit in den eigenen vier Wänden genoss sie sehr! Trotzdem war sie froh um den geschützten Rahmen, der ihr durch den Klinikaufenthalt weiterhin geboten wurde. Schritt für Schritt erarbeitete sie sich ihre Energie und das nötige Selbstvertrauen zurück und entwickelte einen achtsamen Umgang mit sich selbst.

Zurück nach Hause

Und dann war es so weit:

Am 23. April 2025 wurde Anna entlassen. Die Heimfahrt trat sie mit gemischten Gefühlen an. Natürlich freute sie sich sehr auf Tom und die Mädchen. Andererseits verliess sie ein sicheres Umfeld, in dem sie von der Aussenwelt ein Stück weit abgeschottet und stabil war. Wie würden die ersten Begegnungen mit Freunden, Nachbarn und dem Rest der Familie verlaufen? Auf diese Herausforderungen wurde sie von ihren Ärzten und Therapeuten vorbereitet. Sie hatte Respekt davor, konnte sich aber abgrenzen, gönnte sich viel Ruhe und meisterte einen Tag nach dem anderen. In ihrem Tempo und nach ihren Bedürfnissen - wie sie es in der Klinik gelernt hatte. Tom war die ersten Wochen noch zuhause und auch ihre Töchter waren ihr eine grosse Stütze. Sie hatten Verständnis, nahmen Rücksicht und machten ihr keinen Druck.

Tom und Anna war es wichtig, die Kinder offen und kindgerecht mit einzubeziehen. Auf keinen Fall sollten sie durch Aussenstehende und auf Umwegen erfahren, was passiert war. Womöglich noch Unwahrheiten oder Vermutungen erzählt bekommen. Von Anfang an standen ihnen bzw. vor allem Tom hierfür Seelsorger/-innen zur Seite, von denen sie wertvolle Tipps erhielten. Mit dem Buch «Sophias Sorge» von Tom Percival erklärten sie ihnen, was Depressionen sind, dass viele Menschen daran erkranken, auch wenn man ihnen das nicht ansieht. Und dass die Krankheit manchmal so schlimm werden kann, dass sich Betroffene selbst verletzten, weil sie nicht mehr sie selbst sind. Anna beantwortete alle Fragen, die vor allem ihre 10-Jährige sehr direkt und interessiert stellte, wie z. B. mit was sie sich verletzte oder mit wie vielen Stichen die Narben genäht wurden. Weitere Details erzählte sie jedoch nicht von sich aus. Auch auf die anfänglichen Berührungsängste aufgrund der sichtbaren Narben ist die zweifache Mama einfühlsam eingegangen und hat diese mit Halstüchern oder hochgeschlossenen Pullis verdeckt.

Der Weg geht weiter

Anna war bewusst, dass ihr Weg zurück ins Leben noch längst nicht zu Ende war. Den Alltag zu bewältigen, nicht wieder zurück in alte Muster zu verfallen und das Gelernte dauerhaft zu integrieren, waren jetzt die grössten Hürden. Deswegen bemühte sie sich zusammen mit dem Sozialdienst der Klinik um eine ambulante Psychotherapie und beantragte eine Reha. Ihre Stabilität wollte sie auf keinen Fall leichtfertig aufs Spiel setzen. Ohne Vitamin B hätte sie monatelang auf einen Therapieplatz warten müssen. Lukas vermittelte ihr den Kontakt zu einem befreundeten Psychiater und so konnte sie  kurz darauf ihre Therapie beginnen. 
Dass ihr Antrag von zwei Reha-Kliniken abgelehnt wurde, war für sie unverständlich und gleichzeitig inakzeptabel. Sie wusste, dass diese Reha von grosser Bedeutung für ihre langfristige Heilung war. Deshalb machte sie sich, nach Rücksprache mit ihrem Arzt, selbst auf die Suche nach geeigneten Einrichtungen und bewarb sich dort um einen Platz. Wohlgemerkt lag ihr Suizidversuch zu diesem Zeitpunkt noch keine zwei Monate zurück! Vermutlich hätten die wenigsten Betroffenen die Kraft und den Ehrgeiz aufgebracht, um für diese Unterstützung zu kämpfen. Anna schaffte es! Nach einem Vorstellungsgespräch in einer psychosomatischen Klinik, in dem ihre Beweggründe, ihre Ziele und Hoffnungen besprochen wurden, bekam sie endlich die Zusage. Allerdings wurde ihr eine Wartezeit von 3 – 4 Monaten vorausgesagt. Glücklicherweise waren es dann doch «nur» zwei Monate. In diesen Wochen achtete sie gut auf sich, nahm einige Gesprächstermine mit ihrem Psychiater wahr und genoss vor allem ihre Familie. Innerhalb kürzester Zeit konnte sie, nach anfänglicher Skepsis ihres Umfeldes, die ersten Medikamente absetzen. Ein Etappenziel auf ihrem selbstbestimmten Heilungsprozess war damit erreicht!

Dann begannen sechs Wochen intensive Auseinandersetzung mit familiären Prägungen, angeeigneten Mustern, ihren Emotionen und Selbstfürsorge. Anna beschreibt diese Zeit als eine der wichtigsten ihr ihrem Leben, von der sie auf ewig profitieren wird. Sie bekam die Möglichkeit sich mit ihren negativen Glaubenssätzen und auch mit ihrer Enttäuschung über sich selbst zu befassen. Enttäuscht, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verloren hatte. Heute ist ihr bewusst, dass sie krank war und sie keinerlei Schuld trifft. Sie hätte ärztliche Hilfe benötigt, die sie nicht rechtzeitig bekam. Leider kam es auch zu Beginn dieser Behandlung zu einer unprofessionellen Äusserung einer Therapeutin: «Man würde gar nicht merken, dass es Ihnen so schlecht geht. Sie sind gut gekleidet und machen einen selbstbewussten Eindruck.» Genau dieser Eindruck kann eben täuschen! Das Erscheinungsbild sagt nichts über das Innerste eines Menschen aus. Ein Hilferuf muss immer ernst genommen werden! Dass sie das einer Fachperson erklären musste, macht mich fassungslos!

Selbstfürsorge und Bewusstsein

Zurück zuhause ging es für die Familie erst einmal ein paar Tage in den Urlaub. Sie genossen die letzten zwei Sommerferienwochen und es war ein gelungener und sanfter Einstieg in den Familienalltag. Anna erstellte einen Wochenplan, um die neu gelernten Methoden zu festigen und zu integrieren. Dabei hatte sie alle Familienmitglieder, aber vor allem sich selbst im Blick. Weil es enorm wichtig ist, dass Mamas (und natürlich auch Papas) sich gut um sich kümmern, um den Kindern Vertrauen und Halt zu geben und die alltäglichen Herausforderungen gesund zu bewältigen. Ihr grösstes Anliegen ist, ihren Kindern Selbstfürsorge vorzuleben. Es soll zur Selbstverständlichkeit werden, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu achten. Dafür erzählt sie beispielsweise von ihren neu gewonnenen täglichen Routinen, die ihr so guttun, sorgt für bewusste Entspannung, verzichtet auf unnötigen Freizeitstress und setzt auf Spontanität.

Das Bewusstsein, dass alte Muster schnell wieder greifen können, hat dazu geführt, dass die gelernte Floristin erst im Februar 2026 ihre Arbeit stundenweise wieder aufnimmt. Keine einfache Entscheidung für die engagierte Power-Frau, die seit ihrer Ausbildung im selben Betrieb arbeitet und sich auf ihre Arbeitskollegen sehr freut. Aber sie weiss, dass sie der Berufsalltag neben ihrer Rolle als Mama und Hausfrau momentan noch überfordern würde. Ihr Chef reagierte, wie die ganzen letzten Monate, äusserst verständnisvoll und wohlwollend. Genau solche Menschen sind auf dem Weg zurück ins Leben goldwert!

Auf meine Frage, ob sie Angst davor hat, wieder einmal an den Punkt zu kommen, an dem sie sich ohnmächtig und fremdgesteuert fühlt, kommt ein schnelles und überzeugtes «Nein». Weil sie nie Suizidgedanken hatte und sich nicht bewusst das Leben nehmen wollte. Sie wusste zu wenig über ihre Krankheit, entwickelte Psychosen und erhielt nicht die Hilfe, die sie so sehr gebraucht hätte. Inzwischen sind Spaziergänge, Yoga und Mediationen fester Bestandteil in ihrem Alltag. Ausserdem stellt sie den Haushalt und ihre Arbeit nicht mehr an erste Stelle, sondern ihr eigenes Wohlbefinden! Ordnung und Sauberkeit sind der 39-Jährigen immer noch sehr wichtig, aber heute hetzt sie nicht mehr im Schnelldurchlauf durchs Haus, um möglichst viel zu schaffen, bis die Kinder aus der Schule kommen, sondern macht eins nach dem anderen und plant sich Pausen ein.

Ach ja, da wäre noch die offene Frage nach dem Dschungelzimmer. War es nur ein Gedankenspiel ihrer Psychose? Tom konnte es aufklären. Das Zimmer existiert genau so, wie Anna es in Erinnerung hatte. Einerseits beruhigend, anderseits nicht mehr von Bedeutung für sie. Vielleicht sucht Anna irgendwann einmal noch das Gespräch mit der psychiatrischen Klinik und ihrem damaligen Bezugspfleger. Nicht aus Wut oder für Schuldzuweisungen, sondern um Missstände anzusprechen und anderen Betroffenen den Weg zu ebnen.

Laut Schulmedizin ist Anna geheilt und sie führt ihr Leben mit einer Leichtigkeit, die sie nie zuvor kannte. Allerdings ist die Heilung ein lebenslanger Prozess und ihre Narben, die sie inzwischen offen zeigt, erinnern sie jeden Tag daran. Mit einem Augenzwinkern fügt Anna hinzu «Nach der Reha ist vor der Reha». Bis zum Jahresende möchte sie die letzten Medikamente absetzen und «frei» ins neue Jahr starten. Ich bin mir sicher, dass sie auch dieses Ziel erreichen wird!

In diesem Sinne hoffe ich, dass Annas Geschichte ein Stück weit aufklären, informieren und enttabuisieren konnte. Über eine Krankheit, die jede/n treffen kann. Allen Betroffenen wünsche ich ein tragendes Umfeld, das sie geduldig und vorwurfsfrei auf dem Weg zurück ins Leben begleitet.

Alles Liebe
Petra

Admin - 23:43:31 @ Allgemein, Sterben, Trauer | Kommentar hinzufügen