kraftplatz-Blog
An dieser Stelle teile ich einige meiner Erfahrungen und Gedanken über Trauer, Sterben und das Leben. Um zu informieren, inspirieren und vor allem zu enttabuisieren. Ich freue mich, wenn Du meine Beiträge kommentierst, teilst oder auch Wünsche für neue Themen einbringst.
Alles Liebe
Petra
2024-11-17
PS.: Ich liebe dich
Nach einer längeren, wertvollen «Pause» bin ich zurück. Eine Pause war es jedoch nur im Bezug auf das Bloggen. Ansonsten hat sich bei mir in den letzten Wochen viel getan. Ich durfte das erste Mal angehende Sterbe- und Trauerbegleiterinnen zum Thema «Früher Kindsverlust» unterrichten, war zusammen mit dem Trauercafé Bischofszell und meiner Kollegin von Gächter Coaching mit einem «Trauerstand» an der Tischmesse Bischofszell vertreten und wurde auserwählt, eine Trauerrede zu halten. Was ich dabei immer wieder spürte: Liebe. Liebe zu meinem Wirken, Liebe zwischen Sterbenden und ihren Liebsten, Liebe von Trauernden zu ihren Verstorbenen sowie Liebe zum Leben. Dabei kam mir folgendes Buch in den Sinn:
PS.: Ich liebe dich!
Ein wunderschönes Buch von Cecilia Ahern, das 2007 verfilmt wurde. Es geht um Gerry, der im Alter von 29 Jahren an einem Gehirntumor stirbt. Vor seinem Tod verfasst er für seine Frau Holly insgesamt 12 Briefe. Er begleitet sie damit durch das erste Trauerjahr und stellt ihr jeweils eine Aufgabe, die sie bis zum nächsten Brief erfüllen muss. Sei es der Kauf einer Nachttischlampe, weil er nun nicht mehr als Letzter das Licht löschen kann, wenn sie schon im Bett liegt. Karaoke singen, ihren Geburtstag feiern, Verreisen oder seinen Kleiderschrank aussortieren. Die Familie und Freunde von Holly sind teilweise besorgt, dass sie durch die Briefe in ihrer Trauer gefangen gehalten wird. Sie selbst ist überzeugt, dass ihr diese spezielle Verbindung zu ihrem Mann bei der Trauerverarbeitung hilft und sie sich Schritt für Schritt auf das Leben ohne ihre grosse Liebe einlassen kann. Eine berührende Geschichte, die zeigt, wie schwer und gleichzeitig wichtig Trauern ist, was für unterschiedliche Erwartungen das Umfeld an Trauernde stellt, was für ein Gefühlschaos dabei durchlebt wird und wie Verbundenheit über den Tod hinaus gelebt werden kann.
Vorsorgen
Mich fasziniert die Vorstellung, dass Sterbende für Ihre Herzensmenschen «vorsorgen» und ihnen den Übergang in das Leben ohne sie so leicht wie möglich machen möchten bzw. sie dabei begleiten. Seit diesem Buch ist für mich klar, dass ich für meine Liebsten ebenfalls eine besondere Erinnerung schaffen möchte, wenn ich wüsste, dass ich bald sterben müsste. Inzwischen gibt es hierfür eine Vielzahl an Möglichkeiten. Egal ob Briefe, Sprachnachrichten, Videobotschaften, Fotos, Erinnerungsschmuck oder auch eine persönliche Audiobiografie über den Verein «Hörschatz» (www.hoerschatz.ch). Wenn Kinder ihre Eltern verlieren, können die Erinnerungen, je nach Alter der Kinder, schnell verblassen. Mit einem Hörschatz hinterlassen früh verstorbene Eltern ihren minderjährigen Kindern eine Erinnerung für das ganze Leben. Sie erzählen dabei in eigenen Worten, was ihnen wichtig ist, was von ihnen bleiben soll und was sie ihren Liebsten mit auf den Weg geben möchten. Der Verein «Hörschatz» vermittelt Audiobiografien an betroffene Familien. Dieses wertvolle Angebot ist kostenlos und ist sicher für jedes Kind, welches seine Mama oder seinen Papa viel zu früh gehen lassen muss, ein wahrer Schatz.
Liebe
Auch über das Thema Liebe habe ich mir Gedanken gemacht. Was bedeutet Liebe im Sterbeprozess?
Wenn die Schreckensnachricht kommt, dass ein geliebter Mensch sterben wird, gehen Betroffene sehr unterschiedlich damit um. Die einen wollen weder über den bevorstehenden Tod noch über Wünsche für den Abschied oder die Zeit danach nachdenken, geschweige denn reden. Sie wollen kämpfen bis zum Schluss, auch wenn die Betroffenen selbst ihr Schicksal bereits angenommen haben. Anderen hingegen ist es ein besonderes Bedürfnis, vor dem Tod jedes noch so kleine Detail zu besprechen. Angefangen vom Organisatorischem, wie die Planung der Beerdigung, Testament, Patientenverfügung oder die Aufteilung des Nachlasses. Aber auch das bewusste Abschiednehmen und kostbare Zeit verbringen stehen im Fokus. Zeit, um Gespräche zu führen, Fotos zu machen, den Sterbenden etwas Gutes zu tun, z. B. in Form von Massagen, Vorlesen oder auch das Erfüllen letzter Wünsche. Wünsche im Sinne von Erlebnissen, die noch machbar sind, aber auch Sterbewünsche. Sei es die Akzeptanz, dass z. B. keine Chemo mehr gemacht werden soll, das Sterben in einem Hospiz, zuhause, allein oder auch vorzeitiges Beenden des Lebens durch eine Freitodbegleitung oder Sterbefasten.
Angehörige in dieser letzten Lebensphase zu begleiten kann äusserst herausfordernd sein. Gerade, wenn unsere Vorstellungen für die letzten Monate, Wochen oder Stunden nicht mit denen der Sterbenden übereinstimmen. Lassen wir uns jedoch auf ihre Wünsche ein, entsteht eine besondere Verbindung. Wir vermitteln Respekt, Achtsamkeit und bringen unsere Liebe zum Ausdruck. Liebe, die uns über unseren Schatten springen und unsere Bedürfnisse hintenanstehen lässt. Damit meine ich nicht, dass wir nicht auf unsere Bedürfnisse achten sollten. Im Gegenteil! Es ist wichtig sich gebührend verabschieden, Dinge zu bereinigen und alles aussprechen zu können, was uns noch auf der Seele liegt. Gleichzeitig gehört für mich der Sterbeprozess hauptsächlich den Sterbenden selbst. Es ist IHR Weg zu einer Reise, die sie alleine antreten. So schwer es manchmal auch sein mag, sollten wir sie auf diesem Weg unterstützen und ihnen unsere wahrhaftige Liebe zeigen. Diese Zeit ist meistens geprägt von besonders intensiven und berührenden Erinnerungen. Erinnerungen, die für immer im Herzen bleiben.
Erinnerungen
Gerne verweise ich an dieser Stelle auf den Verein «Herzensbilder» (www.herzensbilder.ch). Ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen schenken Familien, in denen ein Kind oder Elternteil schwer erkrankt/verunfallt oder ein Baby zu früh oder still geboren ist, professionelle Fotos, um die letzten gemeinsamen Erinnerungen festzuhalten. Der Verein «Dein Sternenkind» (www.dein-sternenkind.eu) bietet für Eltern, deren Babys in der Schwangerschaft, bei der Geburt oder kurz danach verstorben sind, ebenfalls professionelle und kostenfreie Bilder an. Zudem stellen sie für Sternenkind-Eltern eine Bearbeitung selbstgemachter Fotos zur Verfügung. Welch grosse Bedeutung Fotos haben können, bemerken wir oft erst, wenn die gemeinsame Zeit vorbei ist. Durch sie werden Erinnerungen sichtbar und real. Nicht selten erleben z. B. Mütter, deren Baby vor/bei der Geburt verstorben ist, das Gefühl, dass sie gar nicht schwanger waren und sich alles nur einbildeten. Weil keiner ihr Baby kannte. Ebenso wichtig sind Fotos häufig für nachfolgende Generationen. Auch wenn meine Tochter sich an meine Mama nicht erinnern kann und mein Sohn sie nie kennen lernte, wissen sie, wie ihre Oma aussah, wie sie als Mama oder Oma war.
Für was sind Erinnerungen überhaupt so wichtig? Erinnerungen zaubern uns meist ein Lächeln aufs Gesicht, bringen uns manchmal zum Weinen und schaffen Verbindung. Eine Verbindung, die den Tod überlebt und uns ein Stück weit trägt. Trägt durch die Zeit ohne unseren Herzensmenschen. Aber wäre es nicht einfacher ohne Erinnerungen? Würde wir weniger trauern, wenn wir uns nicht immer wieder an das Verlorene erinnern müssten und könnten leichter nach vorne schauen und den Tod schneller akzeptieren? Erinnerungen schliessen für mich weder aus, dass ich nach vorne schaue, noch tragen sie dazu bei, dass ich den Tod meiner Mama oder meines Sohnes nicht akzeptiere. Sie bereichern mein Leben, führen mir meinen bisherigen Lebensweg vor Augen, machen wahr, was manchmal so unglaublich erscheint und sind heilsam. Was wären wir nur ohne Erinnerungen? Emotionslos, einsam, trostlos? – nichts davon wünsche ich uns allen.
In diesem Sinne möchte ich dazu ermutigen, die gemeinsame Zeit zu nutzen, Erinnerungen zu schaffen, das Erlebte sichtbar zu machen und immer im Herzen zu tragen. Weil wir sie lieben.
Alles Liebe
Petra
Admin - 21:19:04 @ Allgemein, Sterben, Trauer | 2 Kommentare
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Simone
Liebe Petra,
Dein Eintrag hat mich eben zu Herzen und ganz tief drin bewegt… mit kullern Tränen, weil es so schön geschrieben ist…
Danke für Dein Sein und Deine ruhige Art, die Dinge auf so wertschätzende Art klar auszusprechen.Ich bin mir sicher das hilft vielen sehr
🫶
Lieben Gruß,
Simone
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Admin
Herzlichen Dank für diese schöne Rückmeldung 🤍

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