kraftplatz-Blog
An dieser Stelle teile ich einige meiner Erfahrungen und Gedanken über Trauer, Sterben und das Leben. Um zu informieren, inspirieren und vor allem zu enttabuisieren. Ich freue mich, wenn Du meine Beiträge kommentierst, teilst oder auch Wünsche für neue Themen einbringst.
Alles Liebe
Petra
2025-07-25
Alles eine Phase?
Mondphasen, Zyklusphasen, Lebensphasen - alles im stetigen Wandel. So ist es auch in der Trauer. Kein Tag ist wie der andere. Lassen wir die Emotionen bewusst zu, beginnt ein Prozess und von Zeit zu Zeit entsteht Wachstum, im besten Fall Heilung. Oft anstrengend, kräftezehrend und planlos. Für Trauernde selbst und manchmal auch für ihr Umfeld. Es scheint unmöglich, die aktuelle Situation noch länger auszuhalten. Gleichzeitig ist es fast unvorstellbar, dass sich irgendwann etwas daran ändern wird. Vor lauter Schmerz, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Wut. Umso wichtiger, dass wir darüber sprechen. Wenn du etwas dazu beitragen möchtest, freue ich mich sehr über einen Kommentar von dir!
Viel Freude beim Lesen!
Es gibt die verschiedensten Erklärungsversuche zur Trauer. Die bekanntesten sind sicher die Trauerphasen von Kast & Kübler-Ross, die Traueraufgaben nach Worden, das Trauerkaleidoskop von Chris Paul sowie das LAVIA-Lebensweg- und Trauermodell von Mechthild Schroeter-Rupieper. Für mich fassen alle - auf unterschiedlichste Art – zusammen, dass Trauer ein individueller Prozess ist. Ein lebenslanger Prozess. Wir können Trauer weder verdrängen, noch abkürzen, verlängern, kontrollieren oder planen. Zumindest nicht dauerhaft. Trauern ist gesund, sinnvoll und eine natürliche Reaktion auf den Verlust einer nahestehenden Person.
Ist das noch normal?
In meinen Trauerbegleitungen erlebe ich immer wieder, dass Trauernde (und manchmal auch Familie und Freunde) an ihren Gefühlen und Reaktionen zweifeln. «Ist es normal, dass ich…
… ständig weinen muss?
… nicht weinen kann?
… so wütend bin?
… nichts fühle?
… nicht schlafen kann?
… nur noch schlafen will?
… nicht mehr allein sein kann?
… nur noch allein sein will?
… mich nicht für Alltagsdinge (z. B. Haushalt) aufraffen kann?
… mich nicht um meine Kinder kümmern kann?
… nur noch funktioniere?
… mich nicht konzentrieren kann?
… ständig etwas vergesse?
… rund um die Uhr arbeite?
… Heisshunger habe?
… keinen Appetit habe?
… nur noch vor dem Fernseher, PC oder am Handy bin?
… exzessiv Sport treibe?
… zu viel Alkohol trinke?
… mich einsam fühle?
… alles und jeden scheisse finde?
… nicht mehr leben will?»
Bisher konnte ich jede dieser Fragen mit «ja» beantworten, was bei meinen Klientinnen und Klienten grosse Erleichterung auslöste. Weil es ja keine konkrete Verhaltensanweisung für diese herausfordernde Situation gibt und sich keiner so wirklich damit auskennt. Woher auch? Kaum einer redet im Alltag über`s Sterben, den Tod und alles, was das so mit sich bringt. Trotzdem hat das Umfeld recht schnell die unterschiedlichsten Meinungen, Tipps und Ratschläge parat. Fast immer ungefragt und nicht selten unüberlegt. Das kann ganz schön unter Druck setzen, verunsichern und vor allem verletzen. Natürlich sind es in der Regel lieb gemeinte und wohlwollende Äusserungen, die in so einer sensiblen Lebensphase allerdings auch kontraproduktiv sein können. Denn: Jeder trauert anders!
Diese Tatsache anzuerkennen und zu akzeptieren, ist vermutlich das Schwierigste. Wir alle gehen ganz unterschiedlich mit Schicksalsschlägen um. Aufgrund unserer familiären Prägung, unseren Erfahrungen, Ressourcen und unseren verschiedenen Charaktereigenschaften. Nicht nur in der Trauer, sondern allgemein im Leben. Es ist absolut verständlich und auch lobenswert, dass wir geliebten Menschen in ihrem Schmerz helfen möchten. Damit wir dabei keine Grenze überschreiten, empfehle ich:
Fragen anstatt Bewerten!
Du machst dir Sorgen, weil..
- deine Freundin nur noch im Bett liegt
- dein Arbeitskollege bis spät in die Nacht arbeitet
- dein Bruder seine Trauer im Alkohol ertränkt
- deine Mutter tut, als wäre nichts passiert
- dein Vater nur noch wütend ist
- deine Schwester nicht mehr allein zuhause sein kann?
In diesen oder ähnlichen Situationen ist es nachvollziehbar, dass wir uns irgendwann Gedanken machen, überfordert sind oder keinerlei Verständnis haben. Es ist auch schwer abzuschätzen, wie lange dieser Zustand anhält und ob dieser wirklich nur vorübergehend ist. Natürlich ist es nicht gesund, dauerhaft nur noch daheim im Bett zu liegen oder sich jeden Abend zu betrinken. Genauso wenig wie exzessiv Sport zu treiben und dabei kaum etwas zu essen oder nicht mehr allein schlafen zu können. Da wir uns nach dem Tod eines Herzensmenschen jedoch in einer absoluten Ausnahmesituation befinden, entwickeln wir Überlebensstrategien, um irgendwie mit diesen starken Emotionen zurecht zu kommen. Trauer ist purer Stress für unser Nervensystem. Es können sich dabei unterschiedliche Stressreaktionen zeigen:
Fight (Kampf)
Im Kampfmodus zeigen wir uns sehr aggressiv und wütend, suchen eine/einen Schuldigen und wehren uns mit aller Kraft gegen die Situation oder versuchen diese zu kontrollieren.
Flight (Flucht)
Im Flucht-Modus hingegen wird der Trauer aus dem Weg gegangen. Es findet Ablenkung durch Arbeiten, Entrümpeln, Putzen, übermässigen Fernseh- und Medienkonsum usw. statt.
Freeze (Erstarren)
In der Erstarrung ist es kaum möglich den Alltag zu bewältigen. Allein das Aufstehen, Duschen oder Essen werden zu einem Kraftakt. Es ist eine grosse Leere, Antriebslosigkeit und Erschöpfung zu spüren und es kommt meist zur sozialen Isolation.
Für eine gewisse Zeit ist dieses Notfallprogramm vollkommen in Ordnung bzw. überlebenswichtig. Das kann sich von ein paar Tagen, über einige Wochen bis hin zu mehreren Monaten ziehen. Da Trauer sehr individuell ist, will ich hier keinen fixen Zeitrahmen festlegen. Wichtig für mich als Trauerbegleiterin ist, dass überhaupt ein Prozess erkennbar ist. Was nicht bedeutet, dass es stetig nach vorne oder bergauf gehen muss. Rückschritte und Stillstand gehören ebenfalls dazu. Für das Umfeld ist diese Berg- und Talfahrt häufig nicht leicht einzuordnen. Viele denken «Jetzt ist sie/er endlich über dem Berg!», bis plötzlich wieder ein Zusammenbruch kommt. All das ist völlig «normal», weil jeder Trauerweg anders verläuft.
Wenn wir uns nun aber Sorgen um das Trauerverhalten einer nahestehenden Person machen? Fragen anstatt Bewerten!
- «Fehlt dir gerade die Kraft, um morgens aufzustehen?»
- «Lenkt dich das lange Arbeiten von deiner Trauer ab?»
- «Brauchst du den Alkohol momentan, um die Trauer auszuhalten?»
- «Fällt es dir schwer, die Trauer um Papa zuzulassen?»/«Vermisst du Papa’s Lachen auch so sehr?»
- «Bist du auch so wütend, dass Mama gestorben ist?»
- «Fällt es dir gerade schwer, allein zu sein?»
Alles sehr banale Fragen, die jedoch schon genügen können, um auf ein «ungesundes» Verhalten hinzuweisen, welches den Trauernden oft gar nicht bewusst ist. Natürlich ist das kein Garantieversprechen! Weil jede/jeder anders reagiert und es auch entscheidend sein kann, wer diese Frage zu welchem Zeitpunkt und in welchem Tonfall stellt. Fragen ist jedoch sicherlich zielführender als zu bewerten bzw. zu belehren, um zu vermeiden, dass Trauernde sich angegriffen, kritisiert oder unverstanden fühlen. Manchmal fehlen trotz dem Bewusstsein die Kraft, eine Alternative oder die nötige Unterstützung für eine Veränderung der Trauerreaktion. So eine direkte, aber nicht verurteilenden Einstiegsfrage kann der Beginn eines wertvollen Gespräches über die momentane Gefühlslage sein.
Name it to tame it
Reden allein ändert doch auch nichts? Oh doch! Das Benennen von Gefühlen, kann sehr viel in Gang bringen! Der Psychiater Daniel Siegel formuliert es so: «name it to tame it» (benenne es, um es zu zähmen). Sobald wir ein Gefühl in Worte fassen, erscheint es uns nicht mehr so beängstigend oder unlösbar. Wir ordnen unser Gefühlschaos, indem wir darüber sprechen.
Weissen wir als Aussenstehende auf eine Situation oder eine Verhaltensweise hin, ist es wertvoll, wenn wir uns im Vorfeld bereits ein konkretes Angebot bzw. einen Lösungsvorschlag überlegen.
- «Würde es dir helfen, wenn ich dich jeden Morgen anrufe, bevor ich zur Arbeit fahre?»
- «Sollen wir zusammen noch bis 19 Uhr arbeiten und danach etwas Essen gehen?»
- «Gehen wir morgen Abend zusammen joggen/ins Kino/zur Bandprobe…?»
- «Gehen wir morgen zusammen zum Friedhof?»/«Schaust du mit mir das Fotoalbum von Papa an?»/«Begleitest du mich am Freitag ins Trauercafé?»
- «Kommst du morgen Abend mit ins Training?»/«Hilfst du mir morgen beim Schrank aufbauen?»
- «Magst du die nächste Zeit immer zu uns zum Abendessen kommen?»/«Soll ich am Wochenende bei dir schlafen?»
Auch das sind nur Anregungen und jede Situation muss separat betrachtet werden. Manchmal hilft eine gemeinsame Unternehmung, das Animieren zu einer Aktivität oder das Gefühl, gebraucht zu werden. Hin und wieder vielleicht auch die «Holzhammer-Methode». Sei es ein «Überfall» der Kollegen mit Chips und Bier zum Fussball schauen, die spontane Übernachtungsparty von Freundinnen oder ein gemeinsames Rausschreien von allem, was einen gerade wütend macht. Und manchmal hilft einfach gar nichts. Weil die Zeit noch nicht reif ist, der/die Trauernde keine Hilfe will und einfach getrauert werden darf. Allgemein mache ich immer wieder die Erfahrung, dass wir Menschen in Trauer zu wenig Zeit und Vertrauen entgegenbringen und sie damit verunsichern. Es darf eine Weile alles aus dem Ruder laufen und nichts mehr funktionieren, wie vorher. Und vor allem ist es eine persönliche Entscheidung, wer einen in dieser extremen Lebensphase begleiten darf.
Unsicherheiten entstehen am meisten, wenn es sich um Wut oder Ängste handelt. Hier reichen Gespräche allein nicht immer aus. Vor allem bei Aggressionen ist vielfach eine Handlung, wie z. B. etwas Kaputtschlagen dürfen, Schreien, ein Ritual oder ähnliches nötig. Ängsten sollten wir ebenfalls besondere Aufmerksamkeit schenken, damit sie nicht dauerhaft den Alltag bestimmen. Auch hierfür gibt es hilfreiche Übungen und Rituale. Wichtig ist mir jedoch zu erwähnen, dass Gefühle wie Wut und Angst völlig nachvollziehbare Reaktionen auf einen Verlust sind. Hier gilt: Emotionen annehmen, zulassen und sich um sie kümmern. Auf seine Art und im eigenen Tempo. Mit oder ohne Unterstützung. Solange es eben dauert.
Und keine Angst: Nur weil der Papa momentan auf alles und jeden wütend ist und die Schwester gerade nicht alleine schlafen kann, bleibt das in den wenigsten Fällen ein Dauerzustand!
In diesem Sinne wünsche ich allen Trauernden das Vertrauen in die eigenen Ressourcen, die nötige Geduld und Zuversicht, dass irgendwann wieder Lichtblicke kommen sowie ein liebevolles Umfeld!
Alles Liebe
Petra
Admin - 15:34:55 @ Allgemein, Trauer | Kommentar hinzufügen
