kraftplatz-Blog
An dieser Stelle teile ich einige meiner Erfahrungen und Gedanken über Trauer, Sterben und das Leben. Um zu informieren, inspirieren und vor allem zu enttabuisieren. Ich freue mich, wenn Du meine Beiträge kommentierst, teilst oder auch Wünsche für neue Themen einbringst.
Alles Liebe
Petra
2025-11-23
In allerletzter Minute
Dieser Blockbeitrag liegt mir besonders am Herzen, weil ich dafür ein wundervolles Gespräch mit einer Frau führen durfte, die einen Suizid-Versuch überlebt hat. Sie erzählte mir offen, ehrlich und ohne Tabu von ihrer Geschichte und ging dabei auf alle meine Fragen ein. Für dieses Vertrauen möchte ich mich an dieser Stelle nochmals herzlich bedanken! Es war sehr bereichernd, einen Einblick in dieses sensible Thema von «der anderen Seite» zu bekommen.
Viel Freude beim Lesen!
In der Schweiz begehen jährlich ca. 1000, in Deutschland rund 10.000 Menschen Suizid. Ich verzichte bewusst auf das Wort «Selbstmord», weil diese Männer und Frauen keinen Mord begehen, sondern durch Suizid sterben. Das ist in meinen Augen ein grosser Unterschied. Sie töten nicht einen anderen Menschen, sondern beenden ihr Leben. Was nicht heisst, dass ich das beschönigen und gutheissen will. Aber ich verurteile es nicht. Ja, diese Todesart ist für die Angehörigen sicherlich noch schwerer zu ertragen als ein «natürlicher» Tod. Vor allem bleiben Betroffene oft mit Fragen, Unverständnis, Scham und Schuldgefühlen zurück. Ganz abgesehen von dem Anblick, dem die Person, die diese Verstorbenen findet, ausgeliefert wird.
Noch vor einigen Jahren konnte ich als hoffnungslose Optimistin nicht nachvollziehen, dass jemand überhaupt an den Punkt kommt, an dem es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Es gibt doch immer eine Lösung - oder? Auch war es für mich unverständlich, wie eine Mutter oder ein Vater «so etwas» seinen Kindern antun kann. Während meiner Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin und umso mehr ich mich mit diesem Tabuthema befasste, bekam ich darauf eine andere Sicht. Menschen, die diesen Weg wählen, wollen niemanden schaden oder verletzen. Sie sind verzweifelt, hilflos und ohne Halt. Zudem häufig wie fremdgesteuert. So beschreibt es auch meine Gesprächspartnerin, die ich hier einfach mal Anna nenne.
Kraftlos und ohne Energie
Anna ist 39 Jahre alt, verheiratet und Mama von zwei Töchtern (10 und 12 Jahre) als sie nach einer langwierigen Erkältung nicht mehr auf die Beine kommt. Sie fühlt sich wochenlang müde, kraftlos und ohne Energie. Ihre Ärztin kann anhand der Blutwerte nichts Aussergewöhnliches feststellen. Sie versuchte es zunächst mit pflanzlichen Mitteln wie Johanniskraut und gönnte sich viel Ruhe. Kurzzeitig brachte es eine Besserung, jedoch häuften sich bald Konzentrationsschwierigkeiten und Vergesslichkeit. Anna will sich damit nicht zufriedengeben, weil es ihr immer schwerer fällt ihren Alltag zu bewältigen und einen erholsamen Schlaf zu finden. Sie durchforstet das Internet und stösst auf die Diagnose «Depression». Ihr Nachfragen diesbezüglich bei ihrer Hausärztin wird mit einem «Das kann schon sein.» abgetan und nicht weiter Beachtung geschenkt. Ohne dass Anna jemanden die Schuld für den absoluten Tiefpunkt in ihrem Leben geben möchte, hätte an dieser Stelle einiges verhindert werden können. Ihr Zustand verschlechterte sich zunehmend, sie schlief und ass fast nichts mehr, obwohl sie völlig ausgebrannt war. Sie fühlte sich erschöpft, leer und hilflos. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass Anna bis dahin eine lebensfrohe, selbstbewusste und energiegeladene Frau war. Kein Vergleich zu dem Schatten ihrer selbst, der sich irgendwann kaum mehr aus dem Bett bewegen konnte. Nachts rief sie die Notfallnummer an, weil sie keinerlei Schlaf mehr fand. Dort wurde sie zum ersten Mal nach Suizidgedanken gefragt. Diese hatte sie zu diesem Zeitpunkt in keinster Weise.
Nicht wahrgenommen
Nach einer Woche des Extremzustandes mit Ängsten, Verzweiflung und Kraftlosigkeit wollte sich Anna selbst in eine psychiatrische Klinik einweisen. Weil sie Hilfe brauchte. Hilfe, die sie allerdings nicht bekam. Denn sie wurde von den Fachpersonen noch nicht als stationär behandlungsbedürftig angesehen. Für mich ist schwer vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, in diesem Ausnahmezustand nicht ernst genommen zu werden. Vor allem, wenn man jemand ist, der sonst nie nach Hilfe fragt und seine Bedürfnisse eher in den Hintergrund stellt.
Mit dem Medikament «Tavor» und einem Schlafmittel mit antidepressiver Wirkung, jedoch ohne jeglichen Halt und fassungslos, liess sie sich von ihrem Mann Tom wieder nach Hause fahren. Dort ging der Horrortrip weiter. Es entwickelte sich eine immer grössere Ausweglosigkeit und das Verlangen nach Hilfe stieg ins Unermessliche. Ihre Familie, allen voran ihr Ehemann, kümmerte sich liebevoll und einfühlsam um sie. Dennoch spürte sie, dass sie ohne intensive, professionelle Unterstützung zerbrechen würde. Sie fühlte nichts mehr, war leer, konnte nicht weinen und war wie versteinert.
Nach drei Tagen Medikamenteneinnahme bemerkte sie noch keinerlei Besserung. Sie wandte sich kraftlos und verzweifelt wieder an die Notfallambulanz. Dort wurde sie mit der Frage «Was machen Sie denn schon wieder hier?» und dem Hinweis, dass sie sehr müde aussehe und doch schlafen sollte, ein weiteres Mal heimgeschickt. Im Nachhinein weiss sie, dass es ein bis zwei Wochen dauern kann, bis sich das Nervensystem durch die Tabletten langsam etwas beruhigt. Zudem vermutet sie, dass die Dosierung in ihrem Akutzustand zu niedrig war. Ein paar Tage später hatte Anna einen Termin bei ihrer Therapeutin, die erkannte, dass nun wirklich Handlungsbedarf bestand. Endlich wurde sie stationär aufgenommen und hatte Hoffnung. Hoffnung, dass der Wahnsinn jetzt ein Ende nehmen würde, sie zur Ruhe kommen darf und die ersehnte Hilfe erhält, um gesund zu werden.
Hoffnungslos
Leider war die anfängliche Erleichterung nur von kurzer Dauer. Der Lärm, die Lautstärke und Patienten in einem schlimmen psychischen Zustand auf der Akutstation erschreckten sie zutiefst. Sie wusste, dass sie hier auf keinen Fall die Ruhe finden würde, die sie so dringend benötigte. Ausserdem plagte Anna die Angst, dass sie hier noch «verrückter» werden würde, als sie aus ihrer Sicht bereits war. Zum Glück nahm der einfühlsame und engagierte Oberarzt ihre Panik wahr und setze sich dafür ein, dass sie auf eine ruhigere Station kam. Allerdings wurde sie plötzlich misstrauisch, warum dies nun doch möglich war. Sie stellte alles in Frage und war davon überzeugt, dass alle Menschen um sie herum Schauspieler wären, die dafür sorgen sollten, dass sie «überschnappte». Und ihnen somit einen Grund lieferte, um eingesperrt zu werden.
Diese panischen Gedanken wurden durch gewisse unsensible und nicht nachvollziehbare Äusserungen ihres sogenannten Bezugspflegers noch verstärkt. Anna ist bewusst, dass ihr Erinnerungsvermögen durch ihren damaligen psychotischen Zustand getrübt ist. Trotzdem gibt es Situationen, von denen sie mit Sicherheit weiss, dass sie sich genau so zutrugen, weil Tom diese ebenfalls miterlebte. Obwohl sie mit Ängsten und Misstrauen zu kämpfen hatte, war sie einfach zu schwach, um sich noch weiter für sich einzusetzen. Schlaf und Ruhe waren alles, was sie sich wünschte. So liess sie sich von ihrem Mann auf ihr Zimmer bringen und fiel erschöpft ins Bett. Auf dem Weg dorthin raunzte ihnen der Pfleger ein «Kein Männerbesuch auf dem Zimmer erlaubt!» zu. Ohne Tom hätte sie es keinen Meter weit geschafft. Sprechen konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Sie verstummte aus Erschöpfung und Verzweiflung. Tom versprach ihr, dass er sie am nächsten Morgen gleich wieder besuchen und sie jederzeit abholen würde, falls sie nach Hause möchte.
Anna erlebte einen Tag und eine unruhige Nacht mit zwei anderen Patientinnen im Zimmer, wovon eine der beiden unentwegt weinte. Sie kann sich nicht erinnern, dass jemand in diesen Stunden, in denen sie vor sich hinvegetierte, nach ihr gesehen hätte. Sie wusste, dass sie sich im Stationszimmer bei ihrem Bezugspfleger melden sollte, wenn sie etwas brauchte. Das hatte Tom ihr immer wieder nahegelegt. Der Pfleger reagierte genervt, als sie abends nach etwas zu Essen fragte, weil sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Er schickte sie mit einem abschätzigen Blick zum Mahlzeitenwagen, auf dem noch ein Tablett mit der Aufschrift «Dummy» mit einer Scheibe Brot, einem Stück Butter und Wasser übrig war und rief ihr nach: «Gewöhnen Sie schon mal dran!». Für sie ein Schlag ins Gesicht! Zum einem, weil das Aufstehen bereits einen regelrechten Kraftakt darstellte, zum anderen war es ihr unangenehm jemandem zur Last zu fallen. Ein Muster, dass sich durch ihr Leben zieht. Diese Situation erweckte in ihr erneut das Gefühl, dass alle nur darauf warteten, dass sie «ausflippen» und nie wieder hier rauskommen würde. Im Nachhinein ist Anna fasziniert, dass sie selbst in ihrer Psychose weiterhin versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Bei der sehr netten und bemühten Nachtschwester nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte nach, was das Wort «Dummy» auf dem Tablett bedeutete. Sie erklärte ihr, dass das die Notfallrationen für spontane Neuzugänge seien und dass morgen ihr Name auf dem Deckel stehen würde. So sympathisch ihr die Pflegerin auch war, Anna glaubte ihr nicht und ihr Misstrauen wuchs weiter.
Bei Tagesanbruch wollte sie zum Rauchen nach draussen und fragte eine Pflegerin, ob die Türe unten schon offen sei. Diese meinte, dass sie dafür nicht extra nach unten gehen müsste, sondern ins Dschungelzimmer könnte. Ihre wurde ein Raum aufgesperrt, in dem ein Bällebad, ein aufblasbarer Dino und eine Palme standen. Am Fenster sah sie einen Aschenbecher. In Panik rief sie ihren Mann an und entliess sich noch am selben Morgen selbst aus der Klinik. Ob es diesen Dschungelraum wirklich gab oder es eine Wahnvorstellung war, weiss sie bis heute nicht.
Out of order
Zurück zuhause fiel sie in ein noch tieferes Loch und lag schweigend im Bett. Dass sie immer wieder «Ich brauche Hilfe» vor sich hinmurmelte, weiss sie nur aus Erzählungen ihrer Familie. Noch am selben Abend - Tom war gerade beim Elternabend in der Schule - kam ihr plötzlich der Gedanke, dass ihre beiden Mädchen ohne sie besser dran wären als mit einer psychisch kranken Mama, die nie mehr auf die Beine kommt. Anna erkannte ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr und war gefühlsmassig nicht mehr in ihrem Körper.
Danach schnitt sie sich die Pulsadern auf.
Diese Affekthandlung war nicht geplant. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte sie kein einziges Mal darüber nach sich das Leben zu nehmen. Es ging alles ganz schnell und wie fremdgesteuert. Ihr Nervensystem war «out of order», wie sie mir beschreibt. Tom fand sie in allerletzter Minute. Krankenwagen, Polizei, Seelsorger – das volle Programm. Familie, Freunde und Nachbarn waren tief betroffen, fassungslos und standen unter Schock. Nur Tom funktionierte weiter. Für seine Kinder, für seine Frau. Anna wurde notoperiert und lag auf der Intensivstation. Sie überlebte.
Ohne Vertrauen
Als sie wieder zu sich kam, verspürte sie weiterhin extreme Verzweiflung und Hilflosigkeit. Anna war komplett erschöpft und ihr Körper war bereit aufzugeben. Immer wieder sagte sie zu Tom «Ich glaube, ich muss sterben!». Nach zwei Tagen auf der psychiatrischen Abteilung eröffnete man ihr, dass sie in eine andere Klinik verlegt werden müsste, weil ihr Wohnort nicht zu ihrem Einzugsgebiet zählte. In die Klinik, aus der sie sich selbst entlassen hatte! Ihr Mann versuchte alles, um dieser Verlegung entgegenzuwirken. Leider ohne Erfolg. Alle psychiatrischen Abteilungen in der Umgebung waren masslos überbelegt. Gegen ihren Willen wurde Anna von den Sanitätern mitgenommen. Für sie war klar: Nie wieder würde sie aufgeben und sich anderen überlassen, niemandem mehr vertrauen! Sie verweigerte seit ihrem Suizidversuch alle Medikamente und war ein psychisches Wrack.
Nach der Verlegung traf sie wieder auf den einfühlsamen Oberarzt. Diesmal kam sie auf die Akutstation zu zwei Frauen, die kurz vor ihrer Entlassung standen. Sie bezogen Anna’s Bett, holten ihr Tee und kümmerten sich rührend um sie. Das Ziel durch selbständiges Handeln und Strukturen zurück in den Alltag zu finden, war in ihrer Verfassung viel zu hochgesteckt. Anna kann heute nachvollziehen, dass diese Massnahme für viele psychisch Erkrankte wichtig ist, jedoch brauche es dafür eine gewisse Stabilität, die bei ihr noch in weiter Entfernung lag. Aufgrund des Personalmangels war es aber gar nicht anders möglich.
Weiterhin ohne Medikamente verschlimmerte sich ihr Zustand von Tag zu Tag. Sie dachte, der Tod stünde ihr kurz bevor und sie sah DAS Licht. Sie beschreibt es als warm und angenehm – ein schönes Gefühl. Aber irgendetwas hielt sie davon ab. Vermutlich ihr unermüdlicher Ehrgeiz nicht aufzugeben und ihre Selbstbestimmtheit.
Bei ihrem Suizidversuch war es anders: Kein Gefühl, kein Licht, keine Wärme.
Ein Schutzengel
Manchmal braucht es einen Schutzengel. Ihr Schutzengel war ihr bester Freund Lukas. Tom rief in verzweifelt an, erzählte von Anna’s Suizid-Versuch und bat ihn, nach ihr zu sehen. Lukas arbeitete auf der forensischen Abteilung der psychiatrischen Klinik. Jeden Abend überredete er Anna zu einem Spaziergang. Er stellte keine Fragen, sondern nahm sie in den Arm und versicherte ihr, dass alles wieder gut werden würde. Selbst ihm vertraute sie anfangs nicht, liess sich aber zu ihrem täglichen Abendspaziergang «zwingen». Nach ein paar Tagen kehrte langsam das altbekannte Vertrauen zu ihm zurück und sie sprach mit ihm über die Medikamente, die ihr verabreicht werden sollten. Sie liess sich vom Personal den Namen, die Tablettenform und Farbe nennen. Tom musste dazu im Internet recherchieren und sie stimmte alle erhaltenen Informationen mit Lukas ab. Erst dann wagte sie die Zustimmung für die Medikamentengabe. Allerdings bekam sie nicht eine kleine blaue Tablette, sondern eine grosse weisse! Dass dieser Unterschied lediglich einem anderen Medikamentenhersteller geschuldet sein sollte, glaubte sie erst, als Tom dies googelte und Lukas ihr das ebenfalls bestätigte.
Durch die Tabletten drehte das Gedankenkarussell in ihrem Kopf langsamer, sie fasste wieder Vertrauen und ihr Zustand verbesserte sich Schritt für Schritt. Inzwischen ist Anna davon überzeugt, dass sie ohne Medikamente den Weg aus der Psychose nicht gefunden hätte. Was sie nicht aufgeben liess? Ihr grossartiges Leben, Tom und ihre zwei wundervollen Kinder.
Wie Anna sich zurück ins Leben kämpfte und wie es ihr heute - knapp 9 Monate nach ihrem Suizidversuch - geht, erfahrt ihr im nächsten Blog-Beitrag.
In diesem Sinne wünsche ich allen Menschen, die gerade überfordert sind, Ängste und Hilflosigkeit empfinden und keinen Ausweg mehr sehen, dass sie ihrem Schutzengel begegnen.
Gleichzeitig möchte ich uns alle dazu aufrufen hinzuschauen, wahrzunehmen und achtsam zu sein - bei anderen und uns selbst.
Alles Liebe
Petra
PS.: Wenn du von Suizidgedanken betroffen bist:
Schweiz
Die Dargebotene Hand: 143 (Erwachsene) oder 147 (Jugendliche)
Online: www.143.ch oder www.reden-kann-retten.ch
In akuten Notfällen: 144
Deutschland
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
Online: www.telefonseelsorge.de
In akuten Notfällen: 112
Admin - 22:06:40 @ Allgemein, Sterben, Trauer | Kommentar hinzufügen

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